Forsetzung des Zeitzeugenberichts

Im Frühstückszimmer suche ich an einem der streng angeordneten Tischgruppen nach einem Platz, von dem aus ich in den Garten sehen und gleichzeitig das Geschehen im Raum beobachten kann. Die Frühaufsteher, Montagearbeiter, Seminarteilnehmer und Vertreter haben ihre Spuren schon hinterlassen. Von einem Tisch klingt internationales Stimmengewirr herüber. Einen Augenblick gönne ich mir, das Gesamtbild des Raumes aufzunehmen. Eingedeckt ist „Maria weiß“ von Rosenthal. Silbernes Besteck blinkt auf weißer Tischwäsche. Jedes Tuch mit wunderbarer Weißstickerei ist eine Kostbarkeit ...

Nehme ich einen Buchenstuhl mit oder ohne Seitenstütze? Alle haben Rohrgeflecht in der Rückenlehne und einen grünen Polstersitz. In einer Ecke entdecke ich eine gemütliche Sesselgruppe mit lindgrünem Stichelmohär. Sicherlich ist sie für abendliche Plauder- oder Lesestunden gedacht, denn auf dem Tisch davor liegen neue Tageszeitungen aus.

Erst jetzt bemerke ich, daß die Möbel auf einem raumgreifenden echten Teppich stehen, dessen Laufflächen schon fragmentarisch, aber noch nicht Unfall gefährdend sind. Ich wähle einen Stuhl ohne Armlehne. Er ist altmodisch aber ich sitze bequemer als auf einem dieser modernen Designerstücke. Er hat genau die richtige Sitzhöhe für meine Beine ...

Im Gegensatz zu üblichen Frühstücksbuffets wird alles frisch zubereitet und vorgelegt: Das Ei ist tatsächlich weich gekocht und, wie könnte es anders sein, weiß.

Da sich die Wirtschaftsräume im Souterrain befinden, werden die Tabletts mit Hilfe eines Aufzuges Transportiert. Zwei weiß lackierte Holzkisten sind einfach übereinander und an einem Schiffstau montiert. Rumpelnd befördert er seine Fracht. Er ist nicht nur für Kinder eine Attraktion.

Zu meiner Freude gesellen sich andere Gäste an den Tisch und es entwickelt sich ein langes fröhliches Frühstücken, bis jeder zu seinen Tagesaktivitäten ausschwirrt. Diese zufällige Runde sollte bis zu meiner Abreise zusammen bleiben.

Außer der Klavierlehrerin aus Hamburg finde ich den farbigen G.I. am interessantesten. Er ist auf Deutschlandtour und besucht ehemalige Dienstorte und verflossene, aber offenbar nicht vergessene Liebschaften. Wir dürfen nur deutsch mit ihm reden. „Baby“ nennt er mich, wenn er etwas Besonderes zu sagen hat.

Beim Gehen zieht er das rechte Bein nach. „Vietnam“, sagte er trocken, „hab mal ein Jahr im Rollstuhl gesessen. „Sei nicht so ernst, Baby. Mir geht es gut“. Wir tauschen die Erlebnisse des Vortages aus und schmieden Pläne für neue Ziele. Unsere gute Stimmung überträgt sich auf die anderen Gäste. Frau Harms ist sehr zufrieden mit uns.

Heute sind die zu „späten Gäste“ der Hauptgesprächsstoff beim Frühstück. Das ganze Haus hatte die höfliche, aber bestimmte Ablehnung von Frau Harms um Mitternacht gehört. „Wer bis 22:00 Uhr kein Lager gefunden hat, mit dem stimmt etwas nicht“, hat der Kapitän immer gesagt. Also für alle Zeiten „Nein.“

Am letzten Tag bleibt mir Zeit, endlich die Bilder an den Wänden anzusehen. Ich staune nicht schlecht. Als kleine Kostbarkeiten entpuppen sich die vergilbten Blätter, Originalskizzen der Bühnenbilder in Fidelio und Othello, aufgeführt 1947, angefertigt von einer Berliner Malerin.

Ich gestehe es ein, der Abschied fällt mir schwer. Aber es muß geschieden werden. Wohlgefühlt habe ich mich im „Haus Vosteen“, diesem Hotel – Garni in der Lindenaststraße. Es strahlt eine Atmosphäre aus, die kaum zu beschreiben ist. Man muß dort gewohnt haben.

Zum Schluß lüfte ich Frau Harms das Geheimnis des Straßennamens: Mir ist nämlich Herr Lindenast in der Stadt begegnet.
Schlag Zwölf Uhr treten an der Westfassade der Frauenkirche die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg, als Figuren einer Kunstuhr zum Männleinlaufen heraus, um dem Kaiser zu huldigen. 1509 hatte Sebastian Lindenast die Figuren in Kupfer getrieben, die heute durch Holzfiguren ersetzt sind.“

Heute ...
Im Mai 2005 hat Christina Summerer aus dem Privathotel Klughardt stammend, das „Haus Vosteen“ gekauft, kernsaniert und die originalen Möbel von 1954 restaurieren lassen.

Nach 6 Monaten Umbauphasen, nach vielen Auf und Abs, gab es endlich im Januar 2006 eine große Wiedereröffnungsfeier mit mehr als 200 Gästen, begleitet von dem Kunstprojekt „Petersilienhaus“ von Berit Klasing.

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